Kapitel 10 – (Un-)Erfräuliches Nachwort – Teil 2/1

Geschrieben von Frigga Wendt

Mein Plädoyer für Katjas „Flucht ins Ungewisse“ und Michas „sich Aufhalsen besagter Katja“ mit all den folgenden Belastungen

Manche Menschen glauben, jeder, der nur wirklich wolle, finde eine Wohnung oder staatliche Unterbringung in diesem wunderbaren Sozialstaat genau wie andere das Märchen glauben, jeder, der einen Job wolle, würde auch einen finden.

Wie weit am Leben vorbei der Verwaltungswahnsinn in der Praxis oft agiert, bemerken aber zum Glück auch hin und wieder einige eben darin Beschäftigte. Auch im Fall der geistig behinderten Katja war vielen im Hilfesektor Tätigen aufgefallen, wie lückenhaft das Absicherungsnetz ist.

Dummerweise vermuteten manche gern pauschal erstmal Micha als Gefahr und hielten die Eltern für die natürliche und beste Aufenthaltswahl für eine junge Frau Anfang 20.

Eltern, in der eigentlichen Rolle, hat nämlich ein Mensch in diesem Alter nicht mehr. Wer länger als bis zum vollendeten 18. Lebensjahr Umgang und Freundschaft zu seinem Kind pflegen möchte, muss sich das ab dann verdienen. Alles, was in Herzens- und Interessendingen über die natürliche Prägung und den Liebesvorschuss füreinander hinausgeht, ist dann nämlich nicht mehr einklagbar durch äußere Umstände.

Tja, die Ämter haben zwar eine „Stallpflicht“ für U-25-Jobsuchende ersonnen, aber auch die ist nicht unverrückbar gerichtsfest, wenn junge Menschen ihr eigenes Leben führen wollen.

Nicht selten und logischerweise sind sexuelle Entfaltungen natürliche Abgrenzungsmechanismen und Abnabelungsgründe aus dem Elternhaus – vor allem wenn man nicht mit seinen Gewohnheiten oder Neigungen in sein Elternhaus passt.

Wer diesen Ärger mit seinen Eltern nicht hat, wer zufällig eine ähnliche Lebensweise wie seine Eltern oder eine von jenen tolerierte glücklich und erfüllt lebt, wie es auch für die Eltern angenehm und akzeptabel ist, zudem nur Leute mitbringt, die die Eltern in ihrem Haus, in welchem sie nunmal das Hausrecht haben, tolerieren (und das nicht nur formaljuristisch, sondern auch hinsichtlich ihrer wirklichen Empfindungen und der großen Bandbreite, diese auszudrücken), wird Katjas Problem kaum aus eigener Erfahrung nachvollziehen können. Und doch werden viele Menschen (nicht nur im westlich-europäischen Kulturkreis) nachvollziehen können, dass nicht alle (unverheirateten) Menschen dauerhaft in einem Elternhaus unter angespannter Lage verbleiben können.

Es reicht schon aus, wenn die eigene Mutter ohne Polizei und Feuerwehr auf Abruf zu haben eine Art „Nachtwache“ hält, so dass z.B. ein gestandener erwachsener Mann seinen jungen Liebhaber, der im Gästezimmer schläft und den Eltern formal als „Kumpel“ vorgestellt wurde, nicht bei Nacht aufgesucht werden kann. Zumindest nicht ohne „ertappt werden“ und überhäuft werden mit Fragen. So erging es einem katholisch aufgezogenen Mann in meinem Freundeskreis, als er viele Jahre nach seinem Auszug einmal die Eltern besuchte. Glücklicherweise war er nicht geistig behindert, sondern eher hochbegabt und hatte eine eigene Wohnung weit weg von den Eltern.

So können Eltern ihrem erwachsenen aber ihnen gegenüber nicht geouteten Sohn den Heimaturlaub oder gar die Beziehung (die nach so einem Urlaub wohl nichts (mehr) wird) verderben und das ohne ein offizielles „Gesetz“ zu brechen – einfach mit den Spielregeln von Scham und Heimlichkeit.

Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, wie trotz wunderbarer Eltern hinsichtlich Sexualität und Partnerschaften große Dimensionen von Heimlichkeitsbedürfnis bestehen.

Mein Bruder und ich begaben uns trotz engster Verbindung zu unseren geliebten Eltern als erwachsene Leute mit unseren jeweiligen (neuen) Partner*innen für ein intimes Kennenlernen oder Beisammensein eher aus der elterlichen Wohnung oder brachten sie erst gar nicht dorthin mit. Natürlich konnten wir bei Bedarf offen über alles reden, vornehmlich machten wir das aber wenn überhaupt dann hinterher oder wenn schon eine Beziehung eingetreten war, die den Eltern nicht zwecks Zustimmungseinholung, sondern aus geteilter Freude und notwendiger Lebensorganisation offengelegt wurde.

Ich erinnere mich noch, wie ich mich fühlte, als ich meinen Eltern die Schwangerschaft vor Ende meines Studiums (welches dann nachfolgend bedeutend länger dauerte) mitteilte. Ich hatte kein Verbrechen begangen, aber ich war von dem, was meine Eltern von mir kannten, was ich selber von mir kannte, abgewichen und hatte mich auf ein Abenteuer eingelassen. Ich war meiner biologischen und schicksalsmäßigen „Zeitqualität“ gefolgt, statt mit Vernunft und Planung erstmal meine berufliche und Beziehungssituation so einzurichten, wie es sich für die mich umgebenden Menschen damals verständlich gemacht hätte.

Wie aber soll es eine behinderte Person schaffen, die auf Schritt und Tritt überwacht wird und von alltäglicher Unterstützung auch abhängig ist, sich gegen die freiwillige Einsicht ihrer Eltern auf sexuellem Sektor zu verwirklichen oder überhaupt erst zu entdecken?

Ich bekam das Schütteln, als Katja mir von ihren Versuchen berichtete, sich über das Internet zum Thema Selbstbefriedigung zu belesen. Die Eltern haben wohl auch das nicht o.k. gefunden und sie diesbezüglich begrenzt. Als glücklich Auskostende dieses natürlichen Geschenks meines Körpers werde ich wütend, wenn ich solche Berichte von anderen höre. Welche Freude und Selbstbewusstheit und Lebenqualität mir verlorenginge, wenn ich „es mir nicht selber machen“ könnte! Wie können Eltern ihrem erwachsenen Kind im 21. Jahrhundert da noch immer restriktiv reinreden?

Menschen davon abzuhalten, Glück und Erfüllung in ihrem und allein durch ihren eigenen Körper zu spüren, ist in meinem persönlichen Weltbild ein Verbrechen.

Eine junge Frau, die Schwierigkeiten hat, sich im knallharten Erwachsenenalltag zu organisieren und zu orientieren, muss die Schlupflöcher nutzen, die die letztliche beziehungsmäßige Vernachlässigung im Gefängnis der Eltern bietet. So etwa war es für die Eltern bestimmt leichter, ihrer Tochter das Tablet zu lassen, als sie nach Feierabend noch selber „aktiv zu beschäftigen“ mit ständigen Gesprächen und aktiven Interaktionen, zu denen es mit einem, eben noch sehr kindlichen, Menschen wie Katja nunmal kommt.

Abgesehen von solcher, die Eltern wahrscheinlich selber überfordernden, Durchführung einer Rundum-Voll(frei)zeitbeschäftigung mit ihrer Tochter, war es natürlich auch illegal, sie vom freien Zugang zu Informationen abzuschneiden. Auch wenn es aus Elternsicht „noch so gut gemeint war“, darf man doch auf erwachsene Menschen keinen „Erziehungsratgeber“ mehr anwenden, schon gar nicht eine (rückständige) Sexualmoral, um damit das Recht auf freien Zugang auf Information und ungehinderte Kommunikation der eigenen Klientin (die zufällig auch die biologische Tochter ist), zu beschränken.

Eine junge Frau, die eine viel abhängigere Beziehung zu ihren Eltern hat, viel weniger Privatsphäre als z.B. ich, die ich mir das jederzeit hätte einfordern können (wenn ich es gewollt hätte) oder auch Aktivitäten ins Studentenwohnheim verlagern konnte, musste weitaus mehr ihrer eigenen Kraft in die Heimlichkeiten investiert haben und dabei immer reale Nachteile, nicht nur moralische Peinlichkeiten riskieren. Mir hätte nur eine peinliche Frage „gedroht“ wenn ich mit 22 Jahren einen 54jährigen Mann zum Liebhaber auserkoren hätte, Katja aber lebte in der Angst vor dem „Weggesperrt werden“ in ein Heim (das womöglich gesetzlich (?) seinerseits auch niemandem die Kontakte derart verbieten darf, wie Katja es befürchtete, aber so etwas vermutlich dennoch völlig selbstverständlich macht oder gutachterlich mal eben festlegt, wenn es sein Handeln für ein fremdbestimmtes Ziel „mit dem sog. Wohl“ und nicht „mit dem Willen“ eines Betroffenen begründet).

Wo hätte Katja ihre Beziehungen anbahnen können, wenn man ihr wirklich erfolgreich das Internet gekappt hätte und auf der Arbeit das Argusauge der Betreuer auf ihr lag?

Hätte ich auf unserer Fahrt von Bayern nach Berlin nicht selbst ein Dokument des Jobcenters gelesen, das mich regelrecht ob seines Stils für Lern- und Erziehungsziele im Rahmen von Katjas Ausbildung vom Hocker gehauen hatte, hätte ich es nicht geglaubt. Dort stand schwarz auf weiß, dass es eines von Katjas Lernzielen sei, „zusätzliche Pausen“ zu reduzieren und Pausen nicht zum Telefonieren zu verwenden. Sie sollte ja länger und konzentrierter arbeiten.

Katja hatte ja nur die Möglichkeiten fernab ihres Elternhauses zu telefonieren. Ihr Zugang zum Chatten war den Eltern (glücklicherweise) lange Zeit nicht bewusst. Katja hatte mir einmal erzählt, wie sie heimlich das veränderte Passwort vom Router in Erfahrung brachte, um mit ihrem nicht für den Internetgebrauch gedachten Tablet kommunizieren zu können. Nun, Katja war zum Glück viel schlauer als die Eltern dachten. Ihr kindliches Gemüt war keine Behinderung für ihren festen Willen, ihrer Lust und ihren Leidenschaften zu folgen!

Vielleicht haben Katjas Eltern mit ihrem totalen Restriktionskurs vorgehabt, sie zu einer Geheimagentin auszubilden, die Dinge verstecken, tarnen und vorgaukeln kann, denn ihr Naturell war ja eigentlich das genaue Gegenteil! Ihre Gefühle lagen meist offen, selten nur ganz knapp unter der Oberfläche und so lachte und weinte sie und konnte in meiner Gegenwart auch gut benennen, was sie gerade bewegte, oder ihr Bauch machte das und ahnte mit Schmerzen anstrengende Situationen oder warnte vor böser Post. Einzig ihre aggressiven Schübe konnte sie sich nicht erklären und als wir da einen Ansatz hatten, konnten wir es mit unserem bisherigen Wissen selbst nicht stoppen.

Ich musste an einen Film denken, den ich einmal gesehen habe. Da war ein Mann verflucht, immer wenn er sexuell erregt war, mutierte er zum Werwolf und gefährdete seine Partnerin, sich selbst und alle(s) drum herum… Welch eine heftige Schicksalsprüfung, wenn Verliebte in so eine Sache hereingeraten!

Ich bewunderte Micha, wie er offen offizielle Stellen und Hilfsangebote aufsuchte, die ggf. gern mal die Deutungshoheit an sich reißen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Er wollte wirklich ständig dazulernen, Lösungen finden, ein guter Lebensbegleiter für das Mädchen sein, das er so tief ins Herz geschlossen hatte. Seine, in der Kennenlernphase angedeuteten und von Katja immer wieder aufgegriffenen, frivolen Phantasien stellte er dafür weit hinten an.

Als Katja für ihn noch ein Traum aus dem Internet war, belebte der Kontakt zu ihr seine Seele. Er war gerade damals mal wieder dem Tod von der Schippe gesprungen und Katjas Bekanntschaft nannte er dann in seinem urtypischen Micha-Humor: „Jetzt kommt ein Bonuslevel im Leben“.

Als Katja bei ihm war, erschien er mir dann zunehmend wie eine treusorgende Vaterfigur, die wirklich alles, inkl. Maniküre, Haare kämmen und Brot schmieren für Katja übernahm. Er schien ausgepowert und zuweilen mit den Nerven am Ende (glich doch seine Situation alles in allem ein wenig der einer alleinerziehenden Mutter, die gerade vom Jobcenter sanktioniert ist und der man dafür auch noch mit Kindesentzug droht, während das Kind auch unzufrieden ist, weil es keine Markenklamotten bekommt wie der Rest in der Klasse) und doch war es wohl die schönste Tätigkeit der Welt für ihn, all das für seine Katja zu tun und sie auch in den abschreckensten Momenten auszuhalten.

Jeder „einfach nur an etwas Spaß“ Interessierte**, wäre längst weggelaufen bzw. hätte sich des „Ballasts des Problems“ geschickt entledigt. Aber hier war das wie im Fall, dass die Jungfrau zum Kinde kommt, und es dann über alles liebt, trotz aller bösen Blicke und aller Anfeindungen. Micha konnte von Katja keinen Dank erwarten, wie man ja auch von einem Baby, für das man sterben würde, keinen praktischen „Dank“ erwartet, für ihn war es aber ein Geschenk, dass sie da war, in seiner Nähe war, und immer wieder auch versuchte, an sich zu arbeiten.

**) Wie ernst es Micha war, wie er Katja in sein Herz geschlossen hatte, merkte ich als erstes an einer Schlüsselsituation, als er noch im virtuellen Kontakt von einer Frau erfuhr, die Katja „ausbilden“ sollte. Eine Art „Online-Herrin“. Micha rief diese Frau an, um ihr von Katjas realen handfesten Problemen zu berichten, anstatt mit ihr oder ohne sie nur auf Katjas virtuelle Spielwiese zu gehen und bei eigenen Sorgen einfach kurz oder endgültig den Monitor abzuschalten.