Kapitel 10 – (Un-)Erfräuliches Nachwort – Teil 1

Geschrieben von Frigga Wendt

Wie sich mein Freund und gesellschaftspolitischer Geschäftspartner Micha aufmachte Himmel und Hölle zu besuchen

An einem Tag im Frühsommer 2020 war es soweit. Ich, Frigga W., gesellschaftspolitische Geschäftspartnerin von Micha, konnte nicht länger warten und bangen, ob er sich wohl melden würde. Seit Monaten hatte er die Corona-Kontaktsperre überwörtlich genommen und reagierte auf keine E-Mail, SMS und keinen Anruf. Sein Telefon schien ausgeschaltet zu sein. Leider wohnte Michael seit einigen Monaten weitab von Berlin in Eisenhüttenstadt, wo er niemanden kannte und auch ich kannte dort niemanden, den ich mal eben hätte vorbeischicken können, um bei ihm „einzugucken“.

Der einzige Mensch, den er in Eisenhüttenstadt gekannt hatte, wegen der er ja überhaupt den für ihn ansonsten völlig ungünstig gelegenen Wohnsitz gewählt hatte, war ihm abhanden gekommen. …oder eher genommen worden, von ihm selber verstoßen worden in einem schicksalhaften Moment… jedenfalls war seine Freundin Katja nicht mehr da, so dass Micha, den das seelisch sehr mitnahm, in einem sehr tiefen Loch sein musste, dass ich mir große Sorgen machte. Ich kannte Phasen des Rückzugs von Micha, in denen er sich so verhielt. Mitunter hatten auch Selbstmordgedanken hineingespielt und es war gerade mal ein Jahr her, dass er sich hatte das Leben nehmen wollen. Niemand, wenn nicht er selber und seine eigene marginale Resthoffnung, hätten ihn damals retten können. Micha beweist seinem Umfeld dann faktisch, dass er der einzige ist, der letztlich entscheidet… jedenfalls hat man von außen keine Kontrolle und erfährt erst nach so einer Phase, wenn er auf dem Weg der Besserung ist, wie es um ihn gestanden hat.*

*) Während die Einen kleine Rückzugsmoment dann schon alarmierend finden oder auch mal übergriffig wegen facebookposts die Polizei benachrichtigen, sind Andere nur über verpasste Termine Michaels sauer oder kündigem ihm die Zusammenarbeit. Michael lässt nicht viele Menschen nah an sich heran – wer ihn länger kennt, wird früher oder später eine dieser Phasen miterleben, die vermutlich zuerst sehr überraschen oder auch verängstigen. Wer den Kontakt und die Zusammenarbeit mit Michael in so einer Phase übersteht, der stumpft ggf. danach ihm gegenüber ab oder respektiert die Phase als negative Auszeit wie man ja auch eine niederstreckende Infektionskrankheit, Migräne oder Ähnliches als Ausfallgrund hinnehmen müsste. Oft aber ziehen sich Menschen, mit denen Michael kurz zuvor besonders eng involviert war,  in solchen Momenten ihrerseits verbissen von Micha zurück, vielleicht weil sie nicht damit zurechtkommen, wenn es „das erste Mal passiert“, oder wenn im Raum schwebt, dass sein Akut-Zustand „wegen der Interaktion mit ihnen“ ausgelöst sein könnte. So ein Zustand folgt nicht selten einem massiven Zerwürfnis, das sich in der Regel nach so einer Zäsur dann gar nicht mehr klärt – außer dass jede Seite für sich allein weitermacht im Wissen um eine weitere Tür ehemals optimistischer Zusammenarbeit, die für immer oder zumindest sehr fest verschlossen wurde, dass andere Türen am Horizont der Wahrnehmung reizvoller erscheinen.

Vor einem Jahr, und auch schon zuvor einmal, hatte er ausgelaugt, aber innerlich im Wunsch, weiterzuleben, vor meiner Tür gestanden. Doch auch diese Überraschung trat jetzt nicht ein. Machte „Corona“ alles noch schlimmer? Oder ging diese Weltkatastrophe Micha am Allerwertesten vorbei und er war „nur“ wegen seiner Katja so kontaktscheu, dass er jegliche Kommunikation aus dem Weg ging? Dass er diesmal nur eine Filmserie nach der anderen schauend friedlich im Bett lag und sich von Schokopudding und Eierplätzchen ernährte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Auch wusste ich nicht, wieviele Tränen er wohl weinen konnte, bevor gar nichts mehr ging. Da ich schon länger Sorgen hatte – waren doch coronabedingt sogar Psychiatrien geschlossen worden** –  nun nicht länger einfach abwarten wollte, aktivierte ich einen anderen sich sorgenden Menschen, der anders als ich über einen fahrbaren Untersatz verfügte: Michas ehemaligen Therapeuten und (Astro-)Psychologen, mit dem er regelmäßig Radiosendungen produzierte. Dieser schien auch nur auf ein Signal von mir gewartet zu haben und wir fuhren kurzerhand an Michas neuen Wohnort – in der Hoffnung ihn noch lebend und nicht bereits verhungert vorzufinden.

**) So vermutlich auch die, in der sich Michael kurzzeitig selber als Gast angemeldet hatte, jedoch keine adäquate Hilfe zur Bewältigung seiner Traumata erfahren hatte. Offenbar sollte da nur aktive Verdrängung beim Malen, Basteln und Häkeln geübt werden, eine Absurdität, die ihn und mich gewöhnlich in schallendes Gelächter ausbrechen lässt… doch wir kennen das ja alle, wenn etwas körperlich oder seelisch schmerzt, kann man selbst solche Erkenntnismomente nicht genießen.

Auf die Haustürklingel reagierte Michael gar nicht, also verschaffte ich uns wie schon einmal bei einem Kurzbesuch vor Wochen Zutritt zum Haus über Nachbarn. Oben vor der Wohnungstür angekommen klopften wir und gaben uns über unsere Stimmen zu erkennen. Es waren leise Schritte zu hören und jemand öffnete uns die Tür. Eine sehr dünne, ausgemergelte Gestalt mit längeren Haaren und einem „mehr als drei Tage“ Bart stand vor uns. Dieses Wesen, das einmal Micha gewesen sein musste und jetzt nur wie ein Restabbild vor uns stand, bat uns herein.

Es war, als würde man einen schwer krebskranken Menschen besuchen oder träfe jemanden aus einem Hunger- oder Kriegsgebiet. Ich habe normalerweise keine Probleme hinsichtlich meiner Figur, hatte aber gerade das Gefühl, ich sei eine übersättigte Matrone. Noch grotesker war es für mich, als sich unser Psychologenfreund dazusetzte und sein gut ausgefülltes Hemd gleich zu platzen schien (er war eigentlich darum bemüht, für die Gesundheit etwas abzunehmen). Aber als wir mit Michael, bzw. dem, was von ihm übrig geblieben war, sprachen, war ich trotz des erschreckenden Anblicks glücklich. Wir waren NICHT zu spät gekommen und er war sofort bereit, mit uns sein Elendsloch zu verlassen.

Micha war völlig klar bei Sinnen, wenn auch natürlich schwer gezeichnet. Seit seiner letzten Nachricht vor einigen Wochen war er nicht mehr aus dem Haus gegangen und hatte nichts mehr zu Essen da. Er berichtete, zuerst noch trocken brot geknabbert zu haben, als die leckeren (Trost)Lebensmittel aufgebraucht waren. Irgendwann gab es wohl noch Soßen oder Dressings, doch auch die waren irgendwann alle. Für einen Diabetiker ist Hungern noch schlimmer als für einen normalgesunden Menschen. Aus medizinischen Gründen hätte er nicht hier bleiben können. Er war ja wohl auch zu schwach, selber einzukaufen. Vielleicht hätte ihn der Wind umgepustet.

Die Nerven lagen noch immer blank, er war ständig den Tränen nahe. Dieser Gedanke mag vermessen klingen, aber ich wünschte Katja, dass sie Micha so sehen müsste.
Micha, der sie aus ihrem geistig beengten Elternhaus herausgeholt hatte.
Sie mochte sich zwar für einen anderen Freund oder Mann oder ein anderes Abenteuer auf ihrem hoffentlich noch langen Lebensweg entschieden haben, aber ich wollte, dass sie das einmal zu sehen bekäme.
Schließlich war es ja auch „unser“ Micha, mein gesellschaftspolitischer Geschäftspartner, ein Mensch, der wie ein Clown auch im eigenen Schmerz andere zum Lachen bringt. Sollte dieser Micha sich von der Erde weghungern, nur weil eine junge Frau ihm das Herz gebrochen und nun keinen auch nur marginal verlängerten Atem hatte, die von ihr aufgerissenen Baustellen auch zu Michas Überlebensfähigkeit hin fortzusetzen?
Während ich mit unserem Psychologenfreund erstmal einen kurzen Einkaufbummel für ein Frühstück machte, das wir mit Micha einnehmen wollten, bevor er transportfähig aus unserer Sicht wäre, hoffte ich, er würde nicht kurzerhand umdenken und doch noch vom Balkon springen.
Nein, eigentlich war er ja zu „anständig“ sowas zu tun, er dachte an die Kinder des Hauses, denen er seine eigenen Traumata nicht weitergeben wollte.

Ich dachte auch an Katja und eines meiner Gespräche mit ihr.
„Wie ist der Micha nur zu so einem geistig schönen jungen Mann herangewachsen,“ fragte sie mich mit verträumtem Blick. Sie schwärmte so von ihm, auch wenn er dabeisaß. Wie wir das noch aus der Schulzeit kennen, betitelte sie ihren Schwarm mit zärtlichen Neckereien wie „du Honk“. Sie hatte Micha damals „zum Fressen gern“ (das sagte sie nicht, aber so verhielt sie sich, als könne sie ihn aufknuddeln oder auffressen vor Glück und Gefallen an ihm).
Nun, vielleicht hatte ich sie auch nur falsch verstanden… oder sie unterschätzt. Denn einmal war Micha nicht da, er war nur ganz kurz zu einem Plenum in ein leerstehendes Haus gegangen, weil da Chancen für wohnungslose Menschen, wie damals ihn und Katja oder aber auch „obdachlose Projekte“ bestanden hatten. Er wollte Katja damit nicht langweilen, und verzichtete, seit sie ihn sein Leben getreten war, eigentlich auf fast alle konkreten politischen oder alternativ-gesellschaftlichen Treffen.

Ich erinnerte mich damals an die Zeit, in der ich meinen ersten und einzigen festen Freund hatte, der zwar null Eigeninteresse an meinen Aktivitäten hatte, aber ständig mitkam oder nicht „allein gelassen“ werden konnte… mich nur für sich brauchte und alle Aktivitäten, die ich vor ihm unternommen hatte, plötzlich zu Konkurrenten um die Zeit mit ihm wurden. Das war teilweise sogar extremer als die Zeit, in der mein Kind neugeboren war und ich fortan zwar nur noch machte und aufsuchte, was mit Kind auf dem Arm möglich war. Nun, Katja hatte an Micha derart geklammert, dass er keine 2 m gehen konnte, ohne ihr das zuvor eine halbe Stunde lang zu erklären und ihr zu versichern, dass er wiederkäme. Kaum war er weg und ich mal mit ihr allein, da gab es nur ein Gesprächsthema: Ihr Micha! Katja fragte mich ständig zu ihm und seiner Vergangenheit. Auch kamen in ihr Ängste hoch. „Was, wenn er mir stirbt?“
Sie hatte immer Angst, Micha könne etwas zustoßen oder er könne ihr genommen werden. Wie ein kleines Küken, das abhängig von seiner Glucke ist, wirkte sie dabei. Sie hatte einen verträumten und gleichzeitig genauso verschmitzten Blick wie Micha.

Ich wusste ja um die Schwierigkeiten der beiden und die Prügelattacken, aber auch um die starke Anziehungskraft, die sie zusammenhielt. In den ersten Momenten hatte Katja neben ihren Tränen über das vorangegangene Leid durch das Unverständnis und die fehlgeleitete Elternliebe, ständig gelacht. Auch Michas Lachen war ständig zu hören. Sie hielten sich im Arm und kicherten, schmunzelten, neckten sich oder gaben genüssliche Laute von sich, die nicht im mindesten obszön, sondern eher wohlig behaglich klangen.
Katja gab Laute wie ein kleines Tier, eher noch Katze als Hund, ab. Da haben sich zwei gesucht und gefunden.

Wie Michas Augen leuchteten, hatte nicht nur Katja bemerkt, auch andere Menschen in Michas Umfeld wie ich sahen das – vor allem in der Zeit, als sich virtuell der Kontakt anbahnte und Katja noch gar nicht bei uns war. Als Micha noch voll in unseren Projekten steckte. Als Katja da war, bekamen ihn ja nur wenige Leute zu Gesicht, vor allem die, die konkret bei der Wohnungssuche oder auch beim Begleiten rund um das Themenpaket „Katja“ hilfreich waren. Micha war wie plötzlich „alleinerziehender Vater“ und sein total auf ihn geprägtes Küken Katja fiepte und quiekte, wenn er nur 5 Minuten weggehen musste.

Katja dachte immer dass er nicht mehr zurückkehrt. Ganz schnell war sie im Glauben, dass er nicht wiederkommen würde. Oder sie äußerte Ängste, dass sie Micha verlieren könne, diesen wunderbaren jungen Mann, der auf so völlig unerklärliche Weise so wundervoll geworden war. Ich sagte Katja damals, dass all das nicht passieren würde. Die einzige und schlimmste Gefahr für ihn sei, wenn sie abhauen und den Kontakt abbrechen würde. Ich bat sie damals, dass sie ihm das nie antun würde. Also nicht einfach Tür zu und nicht mehr reden – das sei für Micha ein Todesurteil. Alles andere könne er mit Sicherheit gut verkraften und wie üblich Lösungen finden.
Nun war aber genau das passiert. Nur dass Micha noch lebte, wenn auch nur gerade so und genau so zerstört, wie ich es damals in dem Gespräch mit Katja vor Augen gehabt hatte für so einen Fall, die einzige Gefahr die ich für Michas Leben wirklich gesehen hatte.

Micha saß vor uns und seine Beinchen, kaum vom Umfang meiner Arme, zitterten als wäre es an diesem lauwarmen Tag tiefster Winter.
Später ärgerten wir uns ein wenig, keine Waage dabei gehabt zu haben – denn durch beständiges Essen nicht nur tröstender, sondern auch aufbauender Nahrung, gewann er schnell wieder ein paar Pfunde über den Rippen. Ich hätte gern originale Fotos vom Tag des Auffindens gehabt, für alle dumme Sprüche klopfenden Sozialbehörden oder Hilfsindustrie-Niederlassungen, die einem freibestimmten Leben in einer neuen SCHUFA- und Grundsicherungsaufstockung tauglichen Wohnung, meistens vorgeschaltet werden.

Dass die Ämter erstmal keinen Umzug vorsehen, wenn man so seelisch und auch materiell gestrandet ist, ist auch so ein Unding. Als wäre unser Seelenleben ein ungehöriges Hobby, denn für das trockene Funktionieren muss man sich ja „zusammenreißen“. So auch absurderweise die Menschen, die schon, weil sie bewiesen haben, dass esbei ihnen eben nicht geht und eher zum Tod oder zumindest Gesellschaftsausschluss führt, als zur „angepassten Integration in niederer Ranghöhe“. Für mich zeigte unser Herumtelefonieren und auch Michas Sorgen in den kommenden Wochen, die er bei mir verbrachte, wieder von vielen Seiten genau, die gut bekannten Unfähigkeiten unserer gesamten Gesellschaft in der Bemühung ein Menschenleben zu erhalten und grundlegend die (Selbstheilungs)kräfte zu stärken – abseits privater günstiger Konstellationen und „Risikobereitschaften“.

Freunde zu Gast zu haben, die im Ungewissen sind, Freunde, die eigentlich eine Bleibe suchen, das gilt zwar als nobel, doch nur, wenn man „es sich leisten kann“. Einer meiner Freunde hatte schon einen handfesten Ehestreit, nur weil er seinen wohnungslos gewordenen Kumpel im Keller „unterkommen“ ließ und dann der Ehefrau vorschlug, die Miete allein zu zahlen – was ihr dann aber zu peinlich war. Lieber wollte sie, dass der Typ einfach aus dem Keller verschwände. Ein Jobcentermitarbeiter äußerte in seiner Freizeit, dass ein aus dem System herausgefallener mittelloser Mensch ja auch indirekt Hilfe bekäme auf Staatskosten, wenn er bei einem anderen Hartz IV Betroffenen „unterkriecht“ und somit die Miete ja vom Staat bezahlt sei.

Andere kommen ggf. auf die Idee, mal eben die Miete zu kürzen, wenn man zu wenig Betriebskosten verbraucht hat und angeblich „gar nicht so oft in der Wohnung sei, also womöglich anderweitig versorgt sei und die Wohnung eingespart werden könne“. Dass auf solche Schritte oft erst eine materielle Notlage mit Wohnungslosigkeit und prekärer Unterkunft in ggf. desolater „Beziehung“ zu einer oder einem anderen Obdachgebenden wird, taucht in diesen „Kürzungs-“ Rechnungen selbstverständlich nicht auf.