Kapitel 10 – (Un-)Erfräuliches Nachwort – Teil 2/2

Geschrieben von Frigga Wendt

Auch ich war stolz auf Katja, dass sie es aus eigener Kraft und mit selber gefundenen Kontakten geschafft hatte, den nächsten Schritt in ihr eigenes Leben zu gehen. Ich stehe allgemein auf solche Geschichten (je realer, desto besser), in denen Menschen sich aus der Unfreiheit befreien. Aber mir taten die Eltern natürlich auch leid! Sicher haben sie in ihrem Tun und Wirken für die Tochter gar nicht bemerkt, wie sehr sie ihr wirklich damit schaden, alles lieber restriktiv abzubrechen oder ihre eigenen Borniertheiten auf die Tochter zu übertragen zu versuchen.

Ich stellte mir vor, mein Sohn, der gerademal 8 Jahre jünger als Katja ist, würde jetzt oder auch als Erwachsener einfach so verschwinden. Sicher säße auch ich schon auf gepackten Koffern, wenn ich nur ein Lebenszeichen von ihm bekäme, oder ich ginge sogar aktiv auf die Suche nach ihm. Ich würde mich aber die ganze Zeit fragen, ob er meinetwegen weggegangen sei und was ihm bei mir nicht gefallen habe – zumindest, wenn wie im Fall von Katja, wenige Tage nach dem Verschwinden die polizeiliche Entwarnung kommt, dass das Kind nicht „entführt“, sondern freiwillig fortgegangen sei…

Immer wieder hoffte ich insgeheim, dass Katja es eines Tages schaffen würde, ihren Eltern alles in Ruhe zu erzählen. Sie zu „entmachten“ und dann Raum zu haben sich mit diesen Menschen zu klären, die sie ja doch eigentlich immer noch irgendwie sehr lieb haben musste. Ich sprach öfter mit ihr über die Eltern und Familie und sie erzählte uns auch viele Geschichten aus ihrem Alltag und nicht alle waren schrecklich. Dennoch musste natürlich die Kritik sein und diese von Katjas Seite auch aufarbeitend eingebracht werden.

Als die Eltern aber zur beginnenden Adventszeit eine EMail schickten, verlor ich einen großen Teil meiner Restachtung, die ich im Herzen noch für sie übrig hatte. Katja hatte kurze Zeit zuvor versucht, der Familie schriftlich zu erklären, warum sie fortgegangen war und was sie bewegte. Die „Antwortmail“ war offenbar nur ein belangloses Geplänkel – als wäre nichts geschehen – von wegen: „die schönen Weihnachtsfilme fangen an, heute Abend kommt dieser oder jener Film, wirst Du den auch schauen?“ Für mich fühlte sich das an wie ein Schlag in die Fresse. Was vielleicht wirklich nur die (generelle??) elterliche Unfähigkeit war, zu wissen, wie man im Kern seine Tochter erreicht, wirkte zumindest auf mich wie bodenlose Arroganz. Es war ja nicht ihre eigene hilflose Kontaktaufnahme nach langem Schweigen, sondern es war die REAKTION (!) auf ein vorwurfsvolles und selbstoffenbarendes Schreiben voller Fragen, Thesen, Tatsachenbehauptungen und Schicksalsentscheidungen, welche Katja in ihrem eigenen Schreiben zuvor preisgegeben hatte!

Wenn ein Kind – ggf. durch Sauerstoffmangel unter der Geburt verzögert – irgendwann eigene Lebensvorstellungen entwickelt, muss man das als Elternteil hinnehmen. Kinder gehören niemandem, auch wenn man ihnen – mitunter ggf. in Machtkämpfen und Konkurrenzen zu Bildschirmen, Kapitalismus oder anderen Erwachsenen – (bevor sie volljährig sind) ein paar Dinge aus dem eigenen Erfahrungs- und Reflexionsschatz in Sorge um ihr späteres Leben näherbringen möchte. Da müssen Wertekonflikte ausgehalten werden. Und auch andere Einstellungen und Interessen, als man als Elternteil für sein Leben verfolgt. Übernimmt man dagegen die Unterstützung oder Begleitung einer sog. „behinderten“ oder „eingeschränkten“ Person, also ist man sowas wie ein „Enthinderungsassistent*in“, muss man sich auch dementsprechend verhalten. Enthinderungsassistent*innen sind alles andere als „Entscheidungsvormünder“!

Wie hart die Auswahlbedingungen „auf dem freien Markt“ sind, zeigt die Erfahrung einer Freundin, die so einen Eignungstest gemacht und nicht bestanden hat. Sie sollte sagen, was sie machen würde, wenn ihr Klient oder ihre Klientin sich mit Alkohol abfüllen wolle, mehr als es guttäte. Sie sagte, sie würde das nicht mitmachen. Das war aber falsch: sie hätte als verlängerter Arm dem eingeschränkten Menschen dabei helfen müssen. Einzig wenn es um Masturbationshilfe (das müsste eine freiwillige Person außerhalb des professionellen Helferkreises machen, die aber vom Helferkreis im Sinne der betreuten Person gefunden werden dürfe oder im Auftrag des Klienten/der Klientin aus dem Kreise sich dafür Anbietender auch herangeholt werden müsste) oder nach dem BGB verbotenen Taten dürfe man seinen „Arm“ verweigern. Man dürfe den Klient*innen in keiner Weise deren Wünsche verweigern, nur weil man sie selber nicht gut, nicht moralisch, nicht religiös vertretbar oder weil man sie ggf. unverständlich bis unappetitlich findet. Alles, was man in so einem Falle legal tun darf: die Betreuungsaufgabe abgeben!

Es ist das Recht einer Person über 18 Jahre, selbst über die eigene Sexualität zu verfügen. Braucht es dazu Assistenz oder Hilfe seitens der Betreuung, so muss diese sich damit auseinandersetzen. Die eigenen Grenzen oder Begrenzungen dürfen nicht zum Diktat für die zu betreuende Person werden. In Katjas Fall war das Problem, dass die Eltern ihre „freiwillige Elternrolle“, die man für gewöhnlich nie ablegt, solange man ein Kind hat, hinter das Interesse der „Betreuung“ hätten zurückstellen müssen.

Das hätte bedeutet, auch wenn sie es als Eltern unangenehm gefunden hätten, dass Katja im Internet nach Möglichkeiten suchte, ihre unerfüllten Lüste zu befriedigen, es hätten zulassen müssen. Nur durch eine Atmosphäre von Offenheit und totaler Akzeptanz von Katjas Interessen, angefangen von Beschäftigung mit dem eigenen Körper bis hin zur Anbahnung von festen Partnerschaften hätten sie einen Kontakt zu ihrer Tochter halten oder neu aufnehmen können.

Gerade wenn der Erwartbarkeit nach eine naive junge Frau schneller Opfer raffinierter Ausbeuter und Gelegenheit Ausnutzender werden kann als andere Menschen, braucht es Assistenzen, die nicht gegen die Klientin arbeiten, sondern in ihrem Sinn mit ihr! Katja hätte Menschen gebraucht, die ihr kein Date „verbieten“, sondern im Falle eines nicht gut laufenden Dates in den Starlöchern stehen! Sie hätte Menschen gebraucht, die sie ggf. begleitet hätten, wenn sie sonst vom Weg abkommen könnte und hilflos voller Panik, schon wegen ihres eingeschränkten Orientierungssinnes, vor dem Date zusammengebrochen wäre… Katja hätte im Zweifel Leute gebraucht, die sie in ihrem Sinne vom Parkplatz abholen, statt Leute, die ihr generelle Fahrten auf einen Parkplatz untersagen – im Mindesten hätte aber bei den Eltern selbst ein Lernprozess in, für sie bis dato ungewohnte Gefilde bzgl. Katja, stattfinden müssen. Sie hätten eigentlich den Lernprozess als spannendes Abenteuer, getragen von Liebe und gern auch „Gottvertrauen“, durchmachen müssen, den sie umgekehrt bei ihrer Tochter nach ihren Vorgaben abgesteckt und blockiert hatten.

Bei Katjas Recherche zu Techniken, den eigenen Körper lustvoll zu stimulieren, hätte ggf. eine gesundheitliche Aufklärung angestanden – wenn man das nicht selber kann, so etwa durch Sexualpädagogen. Menschen, die dazu ermuntern, den eigenen Körper genauer kennenzulernen und anzunehmen, selbstbewusst eigene Wünsche zu äußern. Gerade eine zu devoter Lust neigende Frau, die es rein von der Körperkraft nicht mit einem durchtrainierten Mann aufnimmt, wäre geistig und körperlich und durch das Vertrauen, trotz allem jederzeit „anrufen“ zu können, zu stärken gewesen!

Eltern oder Freunde, die sagen „du hast ja einen blöden Freund, sowas wollen wir hier nicht“, treiben ihr Kind ggf. exakt in dessen oder „dessen möglichen Nachfolgers“ Arme… passiert in so einem Fall etwas schlimmes zwischen den beiden, sind die Eltern und Freunde, die zuvor die Entscheidung nicht akzeptiert haben, vermutlich erst recht kein Ansprechpartner in der Not. Haben sich solche Vertrauenspersonen ernsthaft disqualifiziert, kann man nur hoffen, dass die Alleingelassene sich inzwischen auf ihr Bauchgefühl verlassen kann – denn alles andere ist ja dann abgeschnitten.

Ich bin über die fehlende Unterstützung ALLER Ämter, Behörden und Anlaufstellen sehr enttäuscht – vor allem wegen der Intransparenz. Es kann ja sein, dass irgend ein Klugscheißer_in irgendwann daherkommt und sagt: „Na Ihr hättet doch bloß so und so machen müssen und dann wäre für Katja alles klar gewesen“… In der entscheidenden Situation war es eben NICHTS klar und es gab NIEMANDEN, der ihr IN IHREM Sinne geholfen hat außer Micha, mir und den anderen von Micha mitaktivierten Leuten.

Allein schon die Situation, dass man solche Angst haben muss vor dem „weggesperrt“ werden, obwohl man kein Verbrechen begangen hat, sondern nur selber seiner Lust folgen und nicht in Unlust für andere funktionieren möchte, macht micht wütend. Ich hoffe wirklich, dass Katja ihren Weg meistert – auch wenn sie leider nicht mehr Micha an ihrer Seite hat. Wie es Micha ergeht, ist ein anderes Kapitel, das für mich nach wie vor weitergeht, mit oder ohne ein Zusammensein mit Katja.

Als Katja Micha verlassen hatte, war es auch für mich, als würde ein immer mal wieder geträumter Alptraum wahr werden. Ich erinnere mich gerade wieder an das Gespräch, das ich einmal mit Katja dazu hatte. Sie war in Angst, dass Micha von einem Plenum nicht mehr zurückkäme, sie verlassen oder gar sterben würde heute oder irgendwann. Ich beruhigte sie, dass Micha, nicht zuletzt durch sie, sehr viel Lebensmut und Energie habe und eben auch sehr an ihr hinge, er würde ganz bald wieder da sein und alles wäre gut.

Er wird auch akzeptieren, wenn Du reifer wirst und ggf. einen anderen Mann kennlernst, sagte ich ihr. „nein nein, das wird niemals passieren“, war sinngemäß ihre Überzeugung. Sie solle nur eine Sache ihrem Micha nicht antun, sagte ich. Nur eine Gefahr gäbe es: ihn holter-die-polter verlassen und den Kontakt abbrechen. Das würde er nicht verkraften.

Gedanken daran waren weltfremd für Katja, aber ich hatte ernsthafte Sorgen, dass genau das passieren würde. Viele Projekte oder Aktions-Partnerschaften, die Micha so intensiv geliebt und für die er sich aufgeopfert hatte, waren so schmerzvoll aus seinem Leben gegangen. Das sollte ihm nicht mit Katja passieren… aber nun war es passiert. Er sagte, er habe in seiner Verlustangst selber nachgetreten anstatt einen Moment innezuhalten und die (neue) Situation erstmal aufzunehmen. Er hätte einen Moment den „kalten Lappen“ in „seinem eigenen Anfall“ gebraucht. Doch Katja wollte dann nicht mehr reden. Das schlagende Tier hatte offenbar seine Beute gerissen.

Ich entwickelte mit der Zeit bzgl. des Schlagenden Tieres, das ich nur aus Erzählungen kannte, die Vorstellung, es habe eine ganz andere Lust, als junge Mädchen zu dominieren. Ich bekam das Gefühl aus all den mir zugänglichen Informationen (z.B. wie man Micha seinen Diabetikerzucker grußlos in den Briefkasten steckte – vielleicht damit er nicht selber einen „materiellen“ Vorwand für einen Besuch mit emotional notwenigdem Gespräch hätte?), dass eine Form von Lust oder sadistischer Freude beim Schlagenden Tier in der „Dominanz über einen anderen Herren“ vorlag. Dass er sich heimlich oder anderswo auch offen genau daran weiden könnte, dass Michael sozial und wirtschaftlich abstürzte und effektiv „verstümmelt“ wurde.

Natürlich kann ich in dieser sehr harten, sehr ein soziopathisches Denken voraussetzenden Annahme, nicht davon ausgehen, dass sie wirklich als wahr unterstellt werden kann. Vielleicht hat das schlagende Tier die bereits beginnende Lebenskatastrophe bei Micha nicht beabsichtigt und auch nicht mitkriegen wollen. Aber, dass es für einen Grundsicherungsempfänger und Armuts-Frührentner gestrandet, abseits seines sonstigen Lebensmittelpunktes, wirtschaftlich gar nicht ginge- egal was die erste Aussage auch sein mochte („ich komme schon zurecht, ich brauche keine Hilfe“…), müsste er sich als halbwegs intelligenter Mensch denken können.

Sein Beruf setzt logisches Denken voraus und somit kann ihm das nicht kognitiv entgangen sein, dass Michael quasi völlig „entsorgt“ wurde, nachdem er all die unangenehmen und beschwerlichen Dinge ausgestanden und ausgehalten hatte. Selbst bei einem Zerwürfnis steht es unter diesen Umständen an, sich auszusprechen!

Wenn jemand denkt, ich bekam zum Abschied noch ein „Dankeswort“ von Katja oder wenigstens im Moment der Trennung eine Warnung „hey, dein Kumpel dreht durch und jetzt ist die Kacke am Dampfen, genau wie du es damals befürchtet hast“, der irrt. Katja klagte weder ihr Leid noch teilte sie mir irgendwas von Micha mit. Erst einige Zeit später konnte er mir das schreiben und es ging ihm schon seelisch sehr an die Nieren, alles – er verfluchte sich selbst, hasste sich, machte sich enorme Vorwürfe und weinte ständig. So habe ich ihn noch nie erlebt in keinem anderen Zusammenhang. Trotzdem fuhr er hochkonzentriert und sicher mit dem Auto durch die Gegend, suchte den Psychologenfreund auf, begab sich in eine Therapie, die eher wie schon erwähnt „organisierte Verdrängung“ war. Dann kam der sog. „Lockdown“. Der war für Micha wohl insbesondere ein Lockdown von Katja und auch ein Lockdown von allem, was vom Katja-Verlust hätte ablenken können. Und in dieser Zeit wäre Micha dann fast gestorben.

Mein Fazit:

Leichtere Kost mag es (vermeintlich?!) immer in einem „nebenan“ geben… aber auch manch tiefe Wunde ist wie ein Schatz, den man bei allem Schmerz niemals hergeben wird, weil man den Prüfungen der Liebe ausgesetzt war.

Wenn ich Micha jetzt Anfang September 2020 vor mir sehe und denke, wie wir ihn in Eisenhüttenstadt aufgefunden haben, wird mir ganz anders. Er hat jetzt wieder ein (kleines) Bauchpölsterchen und wird nicht mehr vom Wind umgehauen, die Haare sind wieder kurz, der Bart abrasiert. Immerhin: Alle Sci-Fi-Serien hat er mehrfach angesehen. Bei mir „ein weiteres Mal einquartiert“ war er extrem pflegeleicht – wie immer. Man muss ihn nur in Ruhe lassen und ab und an das eigene Essen ein wenig mit ihm teilen. Irgendwann kommt er aus seinem Schneckenhaus, aber eben erst, wenn es an der Zeit ist und man es nicht selber so verordnet. Auf keinen Fall bleibt Micha in der Nähe oder Obhut anderer Menschen, nur weil es „für die“ dann stimmiger ist. Nur wenn sein eigener Körper und sein eigener Geist ihm das befehlen, dann folgt er den Möglichkeiten. Man kann Micha nicht ohne sein Einverständnis retten.

Kaum zu glauben, dass er jetzt einen kleinen Privatstrand im schönen Mecklenburg-Vorpommern aufgrund neuer Kontakte nutzen darf. Kaum zu glauben, wie schnell er nach all diesen seelischen Katastrophen wieder „vorwärts“ unterwegs ist und da in Sachen Grundeinkommensprojekte angeknüpft hat, wo er aufgehört hat. Aber auch kaum zu glauben – und das ist anders als bei allen früheren (gescheiterten oder beendeten) Projekten von Micha, wie sehr ihn Katja noch immer berührt und dass er keine einzige Sekunde mit ihr missen möchte.